Auftakt: AWO-Seniorenzentrum Im Schlenk

13. November 2013
Senthuran Sivananda

Auftakt: 13. November 2013, AWO-Seniorenzentrum Im Schlenk

Im Rahmen meines neuen Praxistages „Mittendrin“ möchte ich in den folgenden Monaten Menschen in ihrem Alltag begleiten und unterschiedliche Tätigkeiten selbst ausprobieren, um mich besser in ihr Arbeitsleben hineinversetzen zu können.

Der Auftakt zu den „Mittendrin“-Praxistagen startete für mich bereits mit einer Menge an Herausforderungen: Im AWOcura-Seniorenheim „Im Schlenk“ in Wanheimerort wollte ich das Alltagsleben der Senioren und das des Pflegepersonals einmal hautnah miterleben. Am Ende des Tages sollte ich am eigenen Körper erfahren haben, was es heißt, abhängig von anderen Menschen zu sein, aber auch, wie anstrengend und verantwortungsvoll die Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger ist.

Zuerst sollte ich die Rolle einer Rollstuhlfahrerin einnehmen. Dazu ging es mit einer kleinen Gruppe an Pflegerinnen und Heimbewohner Ernst Laube für eine kleine Runde vor die Tür, um mich der Situation im Rollstuhl zu nähern. Schon die erste Straße, die es zu überqueren galt, stellte sich als echte Herausforderung dar. So wird für Ungeübte jede noch so kleine Kante oder Absenkung zu einem logistischen und körperlichen Kraftakt. Dabei muss einiges beachtet werden: Steht kein weiteres Hindernis im Weg? Sind die Füße nicht gefährdet? „Wenn der Bordstein nicht abgesenkt ist, dann muss der Rollstuhl rückwärts hochgezogen werden.“ erklärte mir Geschäftsbereichsleiterin der Seniorenzentren Bettina Vootz. Als gesunder Mensch macht man sich wenig Gedanken über den Abstand zwischen Verkaufsständen oder die Steigung einer Rollstuhlrampe, doch mit den Augen eines gehbehinderten Menschen bekommt man eine vage Vorstellung davon, wie kräftezehrend ein solcher Alltag sein kann.

Ernst Laube, der seit sechs Jahren auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, erzählte von seinen Erfahrungen: „Im Haus ist natürlich alles barrierefrei, aber wenn man mal alleine eine Tür aufmachen muss, ist das sehr anstrengend. Die Unebenheiten draußen auf der Straße sind noch problematischer.“ Dass Rollstuhlfahren viel Übung abverlangt, merkte ich dann spätestens, als ich vergeblich versuchte, selbst die Rampe einer Apotheke hochzufahren.

Nach dem erstem Probelauf war ich gerüstet für eine längere Tour: Zum wöchentlichen Wandertreff für gehbehinderte und nicht-gehbehinderte Senioren zusammen mit ihren Pflegern, starteten wir einen langen und ausgedehnten Spaziergang durch die Straßen und Parkanlagen in Wanheimerort.

Mein Sportpensum war an diesem Tag schon abgehakt, obgleich mir der ultimative Praxistest noch bevor stand. Im Alterssimulationsanzug warteten Probleme der ganz anderen Art auf mich: Die starren Gewichtsbandagen an Beinen, Armen, Händen und Oberkörper ließen mich von einer Minute auf die andere um vierzig Jahre altern – jede Bewegung wurde schwerfällig, Alltagsaufgaben zu Meilensteinen, Selbstverständlichkeiten zu Drahtseilakten. Die Brille, die den verschwommenen „Tunnelblick“ älterer Menschen simulieren sollte, setzte mir besonders zu – Wie isst man einen Jogurt, ohne zu sehen, wo der Löffel landet? Sehr langsam jedenfalls und – wie alles, was ich an diesem Tag ausprobiert hatte – mit viel Aufmerksamkeit und Energie. Auch der Gang durch den Flur oder das Aufsetzen aus einer liegenden Position fiel mir sehr schwer, über einem Treppengang wollte ich nicht einmal nachdenken.

„Es ist wichtig, das mal am eigenen Körper zu erleben. Deshalb werden diese Anzüge auch in den Berufsschulen eingesetzt, um die Auszubildenden für die Senioren zu sensibilisieren“, fügte Heimleiterin Martina Giesen hinzu.

Bei meinem Praxistag habe ich viele Einzelheiten aus dem Leben von Pflegebedürftigen und Pflegenden lernen können. Doch im Mittelpunkt stand vor allem eins: Das Leben in einem Seniorenzentrum verlangt allen Beteiligten ein hohes Maß an Sensibilität, Kooperation und Energie ab und verdient deshalb von Außenstehenden den höchsten Respekt.

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